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Du sollst deinen Populisten lieben

Zur politischen Aktualität der Feindesliebe / Theologischer Impuls von Dr. Thorsten Latzel, Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt

„Du sollst deinen Populisten lieben.“ Der Satz knackt im Ohr, gleich auf mehrfache Weise:

  • Wer soll das sein, „mein“ persönlicher Populist: meine Cousine, die bei Familienfesten fremdenfeindliche Klischees von sich gibt, oder mein Nachbar, auf dessen SUV hinten ein fetter AfD-Aufkleber prangt?
  • Ist „Lieben“ der angemessene Umgang mit Populisten, gerade angesichts einer zunehmenden Verrohung und Radikalisierung nicht nur der Sprache, sondern des Denkens und Handelns?
  • Kann bzw. sollte man andere Menschen überhaupt in Form eines Gebotes zum Lieben auffordern?
  • Und was meint überhaupt „Populist“ – in diesem Satz (wie generell)?

Angesichts der Tatsache, von wie vielen Menschen bei den letzten Landtagswahlen eine Partei mit Spitzenpolitikern gewählt wurde, die sich klar rassistisch geäußert haben, erhält der Satz besondere Brisanz.

Die Aufforderung spielt offensichtlich an auf das biblische Gebot der Feindesliebe, das schon im Alten Testament verschiedentlich vorkommt (2 Mos 23,4f.; 3 Mos 19,18; Spr 25,21 u. Ä.) und in der Bergpredigt Jesu dann, umfassend formuliert, eine zentrale Stellung einnimmt.

Für den christlichen Glauben hat die Feindesliebe eine Schlüsselfunktion. Sie ist pointiert formuliert das Kennzeichen christlichen Lebens schlechthin. O-Ton Bergpredigt:

„Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern (und Schwestern) freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Matt 5,46ff.)

Wobei es ja durchaus fraglich ist, ob es mit der Praxis der Feindesliebe bei den „Zöllnern und Heiden“ immer so viel schlechter aussieht als bei den Frommen.

Nun gibt es seit rund 2000 Jahren eine lange und kontroverse Diskussion, wie mit diesen radikalen Forderungen umzugehen sei, insbesondere, inwieweit die Bergpredigt für politische Fragen späterer Zeiten Bedeutung haben kann oder soll.

Manche Ausleger haben die Forderung nach „Vollkommenheit“ als eine Ethik verstanden, die nur Sinn ergibt, wenn man erwartet, dass das kommende Reich Gottes unmittelbar bevorsteht: morgen, in vierzehn Tagen, in einem Jahr – was aber dann seit 2000 Jahren eben nicht eingetreten ist.

Andere haben sie daher sozialverträglich relativiert oder sie ausschließlich auf das individuelle Leben des Einzelnen bezogen. Mithin religiöse Privatsache. Und selbst hier sei die Radikalität der Bergpredigt – realistisch gesehen – nur etwas für einige besonders heilige lebende Auserwählte. Menschen gleichsam in der „geistlichen Premier League“ von Mutter Teresa, Martin Luther King Jr. oder Nelson Mandela. Oder von religiösen Gruppen „am Rande“ der großen Kirchen, die fatalerweise oftmals wegen ihrer radikal praktizierten Feindesliebe verfolgt wurden.

Pazifismus ist gefährlich. Stellvertretend für eine verantwortungsethisch bzw. realpolitisch motivierte, kritische Sicht steht der Satz von Helmut Schmidt: „Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.“

Eine andere Form, sich der radikalen Zumutung zu entziehen, ist es, die Feinde einfach nominell abzuschaffen. Früher hatte man Feinde, heute haben wir Kolleginnen, Nachbarn, Parteifreunde. Womit die Sache mit dem Gebot elegant erledigt wäre. Dieser zivilisierende Prozess vollzieht sich anscheinend irgendwann im Zuge des Erwachsenwerdens. Als ich eine Konfirmand/innen-Gruppe einmal bat, jeweils nur für sich die Menschen aufzuschreiben, die ihre Feinde wären und mit denen sie niemals gemeinsam essen würden, gab es fünf Minuten intensives Schreiben. Als ich die gleiche Bitte später bei der Frauenhilfe stellte, herrschte ebenso intensives Schweigen. Dies deckte sich nicht ganz mit meinem Eindruck von den Beziehungen in der Gruppe.

Es gibt ja eine Reihe berechtigter Zweifel daran, wie realisierbar die Forderung ist: „Wenn der Klügere nachgibt, dann geschieht Dummes.“ Auch als Eltern, denen etwas an religiöser Erziehung liegt, bringt man seinen eigenen Kindern anderes bei als „rechte Wange – linke Wange“: „Du musst dich auch einmal wehren.“

Und wer Eigentum besitzt, braucht auch Waffen, um es zu verteidigen (Franz von Assisi). Nicht zuletzt war Jesus selbst ein durchaus streitbarer Mensch, wie die Tempelreinigung oder die Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern zeigen. Doch der Stachel der gebotenen Feindesliebe bleibt. Hanns Dieter Hüsch fand dafür den schönen Satz: „Ich fürchte, er hat das wirklich so gemeint.“

Nun, Jesus war kein Demokrat, die Jünger/innen keine Partei und die Bergpredigt kein politisches Manifest. Und man sollte das auch nicht aus ihnen machen. Aber die Bergpredigt hat dennoch eine grundlegende politische Bedeutung. Weil sie eine andere Sicht vom Leben, vom Menschen, von Gott vermittelt. Eine Sicht, die mich selbst und auch mein politisches Engagement verändert.

Wie politisch brisant das radikale Liebesgebot wird, zeigt sich, wenn man es eben auf „Populisten“ bezieht. Unter „Populisten“ verstehe ich dabei nicht im weiten Sinn Personen, die dem Volk (populus) nach dem Munde reden (das ist opportunistisch, mitunter dämlich oder sogar gefährlich, gehört aber eben auch zum Geschäft der Mehrheitsbeschaffung in einer Demokratie). Hier sind im engeren Sinn solche Personen gemeint, die andere aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder Ähnlichem aus dem Volk auszuschließen versuchen. Die das befreiend-revoltierende „Wir sind das Volk“ in ein bedrückend-repressives „Nur wir sind das Volk“ verkehren.

Populismus in diesem Sinne ist seinem Wesen nach anti-pluralistisch (so Jan-Werner Müller, „Was ist Populismus?“). „Du sollst deinen Populisten lieben?“ Wie geht man um mit Menschen, die in anderen immer „den Feind“ sehen, eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vertreten und sich so zum Feind einer offenen Gesellschaft machen?

„Du sollst deinen Populisten lieben.“

Ein paar offene Impulse zur aktuellen politischen Konkretion der Bergpredigt:

  1. Lieben heißt nicht lieb sein. Wenn ich einen Populisten liebe, ist mir nicht egal, was er tut. Dann trete ich ihm umso klarer und entschiedener entgegen, wenn er Falsches sagt oder tut – eben, weil er mir nicht egal ist. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.
  2. Eine zentrale Pointe der Feindesliebe ist es, Person und Werk zu unterscheiden. Ich halte es für grundlegend falsch und verabscheue es, wie sich ein Populist verhält. Deswegen ist er mein Feind und bleibt es vielfach auch. Aber ich werde mich nicht von ihm oder ihr dazu bringen lassen, in ihr oder ihm nicht mehr meine Schwester, meinen Bruder, meinen Mitmenschen zu sehen.
  3. Bei der Feindesliebe geht es darum, mich selbst und den anderen mit Gottes Augen zu sehen. Ohne Gott – als eine bloße Regel politischer Klugheit – wird Feindesliebe in der Tat schnell abstrakt oder gar absurd. Die Feindesliebe braucht eine Form letzter Begründung. Für den Glaubenden hängt sie mit der Erfahrung zusammen, selbst als „Feind Gottes“ von Gott geliebt zu sein. Als Unannehmbare von Gott unbedingt angenommen zu sein. Das verändert meinen Blick auf mich selbst und meine Feinde. Zu glauben heißt letztlich, sich in diese andere Sichtweise Gottes hineinziehen zu lassen: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
  4. Feindesliebe ist brandgefährlich für den Geliebten. Letztlich zielt die Feindesliebe auf nicht weniger als einen radikalen Sinneswandel (sprich Umkehr) des anderen. Es geht darum, nicht nur seine Worte und Taten, sondern seine Einstellung zu verändern. In der Sprache der Bibel: „Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ (Röm 12,20; Spr 25, 21f.) Hinter dem Bild steht wohl ein altägyptisches Bußritual, das den anderen läutert oder mit schamrotem Kopf zurücklässt.
  5. Feindesliebe hilft, sich selbst und den anderen ernst zu nehmen – aber nicht zu sehr. In der Feindesliebe geht es darum, eine heilsame Distanz zu gewinnen zu dem, wie der andere auftritt, und von mir selbst. Es geht mithin um befreienden Humor im Gegensatz zu populistisch verbissener Hässlichkeit. Im kontroversen politischen Tagesgeschäft hilft es sehr, einen notwendigen Schritt zur Seite (oder zurück) zu machen, Kompromisse zu finden und im anderen mehr als den Feind zu sehen. Wenn man die Pointe der Feindesliebe verstanden hat, kommt man nicht umhin, auch über sich selbst zu lachen. Eine politisch höchst produktive Tätigkeit.
  6. Feindesliebe hilft zum notwendigen Streit und kann davor bewahren, als Gesellschaft auseinanderzubrechen. Eine große Gefahr in verschiedenen Ländern ist es, dass Menschen aufgrund ihrer politischen Gegensätze kaum mehr miteinander reden können. Wenn das geschähe, hätte der Populismus tatsächlich gesiegt. So notwendig das entschiedene Eintreten gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit ist, so wenig helfen Parolen wie „Nazis raus“ weiter. Wohin sollen sie denn raus: alle nach Sachsen, nach Anatolien, nach Russland? Dort wird man sich bedanken. Die Logik des „alle ... raus“ stammt ja gerade von Populisten. Nein, es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit meiner fremdenfeindlichen Cousine und meinem AfD-affinen Nachbarn selber auseinanderzusetzen. So anstrengend und mühsam das auch immer ist.

Vielleicht lässt sich die radikale Forderung der Feindesliebe nur verstehen aus der unbedingten Zusage, die ihr in der Bergpredigt einige Verse vorausgeht: „Ihr seid das Salz der Erde.“ (Matt 5,13) Nicht als Aufforderung, sondern als Feststellung: „Das seid ihr.“

Es ist interessant, welches Gewürz für die politische Relevanz des Glaubens gewählt wird. Kein affirmativer Zuckerguss politischer Freundlichkeit oder christlichen Gutmenschentums. Auch kein prophetischer Pfeffer als Bild einer scharfen, moralischen Kritik der anderen, auch wenn Vertreter der Religion dazu gerne neigen. Sondern „Salz der Erde“ – als elementarer Grundbaustein allen menschlichen, tierischen und pflanzlichen Lebens. Man kann wohl eine Weile von Luft und Liebe leben. Aber auch dann nicht ohne Salz. Es vermittelt, was es zum Leben braucht. Und es hat darüber hinaus eine rituelle Funktion als notwendige Zugabe beim religiösen Opfer, dem es zeichenhaft das entzieht, was das Leben gefährdet und verletzt.

Salz der Erde

Mich selbst so verstehen,
dass andere meiner bedürfen,
dass mein Leben eine Rolle spielt
für die Welt, den Kosmos, das Ganze.
Das steht quer zum Bild vom Menschen
als Zufallsprodukt der Evolution
determiniert durch neuronale, genetische, psychische Prozesse
irgendwo am Rand des Universums.

Nein, Mensch, du bist wichtig.
Dein Leben ist wichtig.
Was du tust, denkst, sagst, ist wichtig.
Lebenswichtig für andere,
für deine Mitmenschen wie für die Schöpfung insgesamt.

„Salz der Erde.“
Mach dich frei von den kleinen Bildern,
die du oder andere von dir haben,
die dich selbst immer wieder mickrig machen.
Und lerne dich selbst verstehen
als einen Schlüssel zum Gelingen des Lebens
an deinem Ort.

„Salz der Erde.“
Hör nicht auf zu brennen
in den Rissen der Gesellschaft
in den Wunden, die Menschen einander schlagen.
Gegen jede Form von Hass, Gewalt und Gleichgültigkeit. (TL)

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