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Verordnete Ruhe?

von Pfarrer Carsten Fleckenstein, Evangelische Kirchengemeinde Ober-Roden

»Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln.
Aber im siebenten Jahr sollst du es ruhen und liegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Felde fressen.
Ebenso sollst du es halten mit deinem Weinberg und deinem Ölbaum. Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; aber am siebenten Tag sollst du feiern, auf das dein Rind und dein Esel ruhen und deiner Sklavin Sohn und der Fremdling sich erquicken.“

Zweites Buch Mose • Exodus
Kapitel 23, Vers 10-12

Liebe Leserinnen, liebe Leser, 

es ist nun schon mehr als dreißig Jahre her, dass ich zu einem einjährigen Studienaufenthalt in Jerusalem leben durfte. Es war sicher eines der eindrücklichsten Jahre meines Lebens, das mich in vielerlei Hinsicht geprägt hat und bis heute beschäftigt.

Besonders eindrücklich fand ich, den Schabbat in Jerusalem zu erleben. Anders als in dem eigentlich immer lauten und quirligen Tel Aviv kehrte in Jerusalem samstags wirklich Ruhe ein – obwohl es auch dort immer mehr Menschen gab und gibt, denen das religiöse Leben nicht mehr viel bedeutet und die sich an die weitreichenden Gebote für den wöchentlichen Ruhetag nicht mehr hielten und halten. Aber das Geschäftsleben kam für vierundzwanzig Stunden wirklich zum Erliegen, der Straßenverkehr war auf ein Minimum reduziert, und die überall herrschende Stille tat einfach gut.

Es ist, denke ich, eine der größten Errungenschaften der jüdisch-christlichen Kultur, der Menschheit einen wöchentlichen Ruhetag zuzugestehen. In der Bibel ist geschrieben, dass der Mensch am siebten Tag von seiner Arbeit ruhen soll. Denn der Schöpfer selbst hat sich ein Siebtel seiner Tage Zeit zum Ruhen genommen, ohne sich dumme Kommentare seiner Geschöpfe über sein Nichtstun anhören zu müssen. Und diese Ruhe, dieses Nichtstun war ihm so wichtig, dass er sie auch in die Zehn Gebote aufgenommen hat:

„Gedenke des Schabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Schabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Schabbattag und heiligte ihn.“ (2. Mose 20, 8-11)

Diese Ruhe soll nun aber nicht nur den Menschen (und Tieren! – zumindest den Haus- und Nutztieren) zu Gute kommen – sie soll auch der gesamten Schöpfung gegönnt sein. So wie der Mensch am siebten Tag ruhen soll, so soll es die Umwelt des Menschen in jedem siebten Jahr tun. Dem Land gebührt ein Schabbatjahr, in dem es ruhen kann:

„Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln. Aber im siebenten Jahr sollst du es ruhen und liegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Felde fressen. Ebenso sollst du es halten mit deinem Weinberg und deinem Ölbaum. Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; aber am siebenten Tag sollst du feiern, auf das dein Rind und dein Esel ruhen und deiner Sklavin Sohn und der Fremdling sich erquicken.“ (2. Mose 23, 10-12)

Man könnte auf den Gedanken kommen, mit der Corona-Pandemie habe Gott der Natur ein wenig von der Ruhe verschafft, die ihr der Mensch seit Jahrzehnten und Jahrhunderten vorenthalten hat. So wie der Mensch sich selbst die (Sonntags-)Ruhe nicht mehr gönnt, so muss ihm auch die Schöpfung pausenlos zur Verfügung stehen. Und nun war eine der Folgen des Lockdowns, dass die Natur endlich einmal durchatmen konnte. Der CO²-Ausstoß war merklich zurückgegangen, und es war spürbar ruhiger geworden: kein Fluglärm, keine Staus und kein Gedröhne auf unseren Straßen. Das Leben hatte sich verlangsamt – verordnete Schabbatruhe! Ob uns die Corona-Krise auch darauf hinweisen will, wie wichtig Ruhepausen sind?

Ihr
Pfarrer Carsten Fleckenstein

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