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Gewinn und Verlust - wenn Corona uns zwingt, Gott anders zu feiern

von Pfarrer Axel Mittelstädt, Evangelische Emmausgemeinde Jügesheim

„Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“

(aus Psalm 84)

Liebe Leserinnen und Leser,

ist es nicht erstaunlich und ein Zeichen der Kreativität der Gemeinden und der Pfarrerinnen und Pfarrer, dass so viele nun den Kommunikationsweg über digitale Medien gehen? Und vielleicht sind auch Sie froh darüber, nun Gottesdienste über einen Bildschirm mitfeiern zu können. Das ist auf jeden Fall ein Gewinn. Und ich selbst bin erstaunt, wie viele Menschen die Gottesdienste unserer Emmausgemeinde in Jügesheim über Facebook und Youtube anschauen. Das sind mehr als ich sonst über einen normalen Gottesdienst erreichen kann.

Die Kirchen haben Informationen gesammelt und Statistiken angelegt über dieses neue Flächen deckende Phänomen, das das kirchliche Leben verändert und bereichert. Gerade angesichts der aktuellen Austrittszahlen ist dies etwas Ermutigendes.

Und trotzdem bleibt bei mir ein schaler Beigeschmack. Mir ist ein Bild in den Medien begegnet, das mein Unwohlsein treffend zum Ausdruck bringt. Da sehe ich einen Menschen von hinten, der einen anderen Menschen umarmt. Aber der andere Mensch ist nur schattenhaft zu erkennen, denn beide sind durch eine riesige Plastikfolie voneinander getrennt. Sie können sich zwar umarmen, aber die Plastikfolie verhindert eine echte Begegnung mit allen Sinnen.

Wenn ich an unsere Gottesdienste denke, dann beneide ich unsere katholischen Glaubensgeschwister. Warum? Weil bei Ihnen durch die Konzentration auf die Eucharistiefeier ganz klar ist, dass ein Gottesdienst nur mit allen Sinnen gefeiert werden kann. Ihnen ist sofort schmerzlich bewusst, dass das digitale Medium sich wie eine Folie zwischen mir und der Gegenwart Gottes im Gottesdienst stellt. Ich kann zwar zuschauen, wie der Priester in der Eucharistiefeier Gott begegnet, ich kann auch mitsingen, mitbeten und mich mit Gott verbunden fühlen. Aber ich kann nicht das Brot, die Oblate empfangen und ganzheitlich Gottes Segen spüren und erleben.

Das ist für mich wie der Unterschied zwischen einem Live-Konzert und einer CD. Ich bin dazu noch Jazzfan, und gerade die Jazzmusik zeichnet sich dadurch aus, dass durch die Improvisationskünste der einzelnen Musiker jedes Live-Konzert anders ist. Diese besondere Atmosphäre kann nur leibhaftig wirklich erlebt werden, und dasselbe Konzert auf der DVD verliert viel von dem gewissen Etwas.

Trotz allem Gewinn, den die Kommunikation des Evangeliums über die Medien bringt, gestehe ich hiermit meine Trauer darüber, dass sich im Moment so wenige Menschen in unsere Gottesdienste trauen – auch wenn ich vollstes Verständnis habe, dass sie aus Sicherheitsgründen für sich sorgen. Und das ist gut so.

Und selbst wenn ich in den Gottesdienst gehe, muss ich auch dort auf so vieles verzichten. Ich bin traurig darüber, dass wir nicht singen dürfen und nicht mit unseren Mündern und Ohren ganz sinnlich in die fröhliche Atmosphäre der Liebe Gottes hineingenommen werden.

Ich bin traurig darüber, dass ich während der Predigt die Mimik der Menschen wegen der Maske nicht gut wahrnehmen kann und dadurch der Kontakt zur Gemeinde erschwert ist. Ich bin traurig darüber, dass die Liturgie von der Gemeinde nicht gesungen werden darf und dadurch das Gemeinschaftliche eingeschränkt ist. Ich bin traurig darüber, dass wir im Moment aufs anschließende Kirchcafé verzichten müssen - und damit auch auf manches gute Gespräch hinterher.

Hinter meiner Trauer steckt eine tiefe Sehnsucht, die Psalm 84 sehr gut beschreibt: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.“

Liebe Leserinnen und Leser,

ich wünsche Ihnen und mir, dass uns durch die Einschränkungen noch mehr bewusst wird, was für ein kostbarer Schatz es ist, den wir behüten und beschützen müssen, wenn wir Gott leibhaftig, in Gemeinschaft und mit allen Sinnen feiern dürfen.

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